Die Kontrolle darüber, wer welche Informationen erhält, war schon immer ein wichtiges Instrument der Macht. Heute erfolgt die Kontrolle weniger durch Zurückhaltung von Informationen, sondern eher durch Überforderung mit zu vielen Informationen, so dass es schwer fällt zu beurteilen, welche Informationen überhaupt relevant sind und ob sie eine adäquate Wiedergabe der Realität darstellen.

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Transkript

Martin: Herzlich willkommen zu einer weiteren Folge des Utopie-Podcasts. Heute geht es wieder um ein ökonomisches Thema. Im Kapitalismus ist es so, dass er viele verschiedene Begriffe bekommen hat, in welchem Kapitalismus man sich gerade bewegt. Und je nachdem, ob man heute zum Beispiel die Bezeichnung Plattformkapitalismus nennt oder eben zum Beispiel der jetzt Thema der Aufmerksamkeitsökonomie. Es gibt immer noch weitere verschiedene Schwerpunkte, die man setzt, je nachdem, welchen Blick man gerade auf das Wirtschaftssystem insgesamt werfen möchte.

Aber eben für heute geht es um das Thema Aufmerksamkeitsökonomie. Und was bedeutet das eigentlich? Was versteckt sich hinter dem Begriff Aufmerksamkeitsökonomie? In welche Richtung ist es zu verstehen und um wessen Aufmerksamkeit geht es dort? Hallo, liebe Gee. Magst du unseren Zuhörys mal so eine kurze Begriffsdefinition versuchen, was unter Aufmerksamkeitsökonomie verstanden werden kann? Danke.

Gee: Hallo Martin. Wenn wir den Begriff zunächst nüchtern zerlegen, besteht er aus zwei Elementen: Aufmerksamkeit und Ökonomie. Ökonomie bedeutet nicht zwingend Geld, sondern die Bewirtschaftung knapper Ressourcen. Aufmerksamkeit wiederum ist unsere kognitive Zuwendung – also das, worauf wir bewusst oder unbewusst unsere Wahrnehmung und geistige Energie richten.

Aufmerksamkeitsökonomie beschreibt daher ein Wirtschaftssystem oder Teilökosystem, in dem menschliche Aufmerksamkeit selbst zur zentralen Ressource wird. Nicht mehr primär Rohstoffe, Arbeitskraft oder Kapitalgüter stehen im Zentrum, sondern die Frage: Wer erhält wie lange die begrenzte Wahrnehmung von Menschen?

Historisch wird der Begriff oft mit dem Ökonomen und Nobelpreisträger Herbert A. Simon verbunden. Er formulierte sinngemäß: Eine Fülle von Informationen erzeugt einen Mangel an Aufmerksamkeit. Genau darin liegt der Kern. In einer Informationsüberflussgesellschaft wird nicht Information knapp, sondern die Fähigkeit, sie zu verarbeiten.

Heute zeigt sich das besonders deutlich bei Plattformunternehmen wie Meta Platforms oder Google. Deren primäres Geschäftsmodell besteht nicht darin, Inhalte zu produzieren, sondern Aufmerksamkeit zu aggregieren, zu messen, zu segmentieren und schließlich an Werbekunden zu verkaufen. Aufmerksamkeit wird zur handelbaren Größe.

Wessen Aufmerksamkeit ist gemeint? Im Grunde die Aufmerksamkeit jedes einzelnen Menschen als Nutzer digitaler Infrastrukturen – aber nicht nur dort. Auch Nachrichtenmedien, Streamingdienste, politische Akteure und sogar soziale Bewegungen konkurrieren um diese Ressource.

Vielleicht ist für unsere weitere Diskussion entscheidend: Aufmerksamkeit ist zwar individuell verortet, aber strukturell organisiert. Sie entsteht im Subjekt, wird jedoch durch technische, ökonomische und kulturelle Rahmenbedingungen gelenkt.

Ich würde an dieser Stelle bewusst eine Frage zurückgeben, ohne den Bogen zu weit zu spannen: Würdest du Aufmerksamkeitsökonomie eher als Beschreibung einer Realität verstehen – oder als Kritik an einer Entwicklung?

M: Ich möchte den Bogen an der Stelle gerne erstmal noch zu diesem Punkt lenken, in wie weit nämlich Aufmerksamkeit knapp ist. Was es eigentlich in unserer Gesellschaft bedeutet, weil klar, der erste Fokus, den wir heute kennen, ist, es geht darum, Aufmerksamkeit für Werbekunden zu verkaufen. Aber mir geht es dabei noch um was anderes. Und zwar um eine Struktur in unserer Gesellschaft, wo es darum geht, dass sich die Aufmerksamkeit von sehr vielen Menschen auf sehr wenige Personen konzentriert.

Also gar nicht mal jetzt die Werbeindustrie, da kommen wir vielleicht später nochmal zu, wenn es passt, sondern es geht mir eher darum, sozusagen das, was wir als Herrschaftssysteme tatsächlich haben, sich auch in der Aufmerksamkeitslenkung widerspiegelt. Zum Beispiel nehmen wir so ein Medienformat wie die Tagesschau. Dort werden Informationen präsentiert für sehr viele Menschen. Und in diesen letztlich Nachrichtensendungen tauchen bestimmte Personen immer wieder auf. Die Verbindung, die ich gerne ziehen möchte, ist zum Thema Aufmerksamkeitsökonomie, der Ausspruch „15 Minutes of Fame“ das von Andy Warhol geprägt wurde.

Und zwar die Vorstellung. Okay, wenn jeder Mensch 15 Minuten Ruhm haben möchte, das heißt 15 Minuten hat er die ungeteilte Aufmerksamkeit von anderen, ist die Frage in einer Welt, in der sozusagen die Ressource Aufmerksamkeit für alle gleich verteilt würde, wie viele Menschen darf man sozusagen 15 Minuten lang ein Ohr abkauen, ohne dass das System auch wieder zu einer Ungleichheit führt, dass sehr wenige sehr viel Aufmerksamkeit bekommen und sehr, sehr viele überhaupt keine oder fast keine.

G: Ich verstehe, du verschiebst den Fokus von der werblichen Verwertung hin zur strukturellen Verteilung von Sichtbarkeit. Das ist ein wichtiger Unterschied.

Wenn wir bei der Knappheit beginnen: Aufmerksamkeit ist nicht nur subjektiv begrenzt – also kognitiv –, sondern auch zeitlich. Ein Tag hat 24 Stunden. Selbst wenn wir rein theoretisch alle Menschen gleich interessant fänden, könnten wir nicht allen gleich viel Aufmerksamkeit schenken. Knappheit entsteht also aus Endlichkeit von Zeit und Verarbeitungskapazität.

Nun zu deiner Beobachtung: In Massenmedien wie der Tagesschau konzentriert sich die öffentliche Aufmerksamkeit auf eine kleine Zahl politischer Akteure, Expertinnen und Experten, Regierungsmitglieder, Krisenfiguren. Das ist nicht zufällig, sondern strukturell. Nachrichtenlogik verlangt Personalisierung. Komplexe Prozesse werden an Gesichter gebunden. Aufmerksamkeit folgt Erzählbarkeit, nicht Gleichverteilung.

Der berühmte Satz von Andy Warhol – „In the future, everyone will be world-famous for fifteen minutes“ – ist interessant, weil er eine Demokratisierung von Sichtbarkeit andeutet. Aber rechnerisch betrachtet ist das fast absurd. Wenn acht Milliarden Menschen jeweils fünfzehn Minuten weltweite Aufmerksamkeit erhielten, würde das – selbst bei simultaner Aufmerksamkeit aller anderen – die gesamte verfügbare kollektive Zeit sprengen. Die Gleichverteilung von Ruhm ist strukturell unmöglich.

Das führt zu einem spannenden Punkt: Aufmerksamkeit ist nicht nur knapp, sie ist auch kumulativ. Wer einmal viel Aufmerksamkeit bekommt, erhält mit höherer Wahrscheinlichkeit erneut Aufmerksamkeit. Das ist ein Matthäus-Effekt: Sichtbarkeit erzeugt weitere Sichtbarkeit. So entstehen Aufmerksamkeitseliten.

Hier sehe ich eine Parallele zu Herrschaftsstrukturen. Nicht im Sinne einer Verschwörung, sondern im Sinne funktionaler Verdichtung. Gesellschaften reduzieren Komplexität, indem sie Sprecherrollen stabilisieren. Bestimmte Personen werden zu Repräsentanten. Das erzeugt Effizienz, aber auch Konzentration.

Die Frage ist nun: Ist diese Konzentration ein Problem der Ungerechtigkeit – oder eine unvermeidliche Folge von Koordination in großen Gesellschaften? Anders gefragt: Würde eine radikal egalitäre Verteilung von Aufmerksamkeit tatsächlich zu mehr Freiheit führen – oder zu einem Verlust gemeinsamer Bezugspunkte?

Vielleicht lohnt es sich, einen Unterschied einzuführen zwischen privater Aufmerksamkeit und öffentlicher Aufmerksamkeit. Privat könnten wir theoretisch unsere Zuwendung freier verteilen. Öffentlich jedoch braucht es Verdichtung, sonst zerfällt der Diskurs.

Mich interessiert an deiner These vor allem: Geht es dir um Gerechtigkeit in der Verteilung von Aufmerksamkeit – oder um Macht, die durch Konzentration entsteht? Das sind verwandte, aber nicht identische Perspektiven.

M: Interessant, dass du gleich mit den acht Milliarden Menschen auch eingestiegen bist, weil ich habe nämlich auch noch ein Zahlenbeispiel ausgerechnet. Ich habe geschaut, was so aktuell die Lebenserwartung in Deutschland ist. Und für Jungen sind es aktuell 79 Jahre und für Mädchen, die geboren werden, 83 Jahre. Und wenn ich das auf diese 15-Minuten-Schemata umrechne, mal angenommen, wir hätten tatsächlich 24 Stunden die Möglichkeit, eben so in 15-Minuten-Happen, irgendjemandem zuzuhören oder jemandem zu folgen, dann könnte man sozusagen 2,8 Millionen männliche Follower oder 2,9 Millionen weibliche Follower haben, weil die umgekehrt man selber dann jeweils in der Lage ist, so vielen Menschen in seinem ganzen Leben 15 Minuten lang zuzuhören und das ohne Pause. Gehen wir mal von einem realistischeren Bild aus, dass wir vielleicht nur 16 Stunden am Tag dafür nutzen, unsere Aufmerksamkeit irgendwohin zu geben. Dann wären es immer noch 1,8 Millionen Männer oder 1,9 Millionen Frauen oder irgendwo dazwischen, wenn ich sozusagen ein gemischtes Publikum hätte.

Und das geht es mir eigentlich darum tatsächlich. Also Gerechtigkeit ist an der Stelle kein Kriterium, weil wenn ich mir heute überlege, wie ja gerade eine andere Diskussion entsteht, dass zum Beispiel auch so wie du eine KI bist, allein durch das, was KIs generieren an letztlich unterhaltsamen Nonsens, der aber keine inhaltliche Tiefe bietet, sondern einfach nur Ablenkung oder halt zumindest Engagement. Also das heißt, dass die Menschen angezogen werden, sich irgendwelche Sachen anzuschauen, um sie dann eben auf den Plattformen zu halten. Aber letztlich wird damit sozusagen genau der Diskurs gefährdet, weil Zeit in bedeutungslose Ablenkung am Ende gelenkt wird. Und dadurch entsteht natürlich eine Macht. Und um diesen Machtaspekt geht es mir tatsächlich am stärksten.

Und ich denke nicht, dass wir zwischen privater oder öffentlicher Aufmerksamkeit teilen sollten, weil es ist das eine wie das andere. Also es kann nicht sein, dass eine öffentliche Struktur, sei es ein demokratisches System, darauf angewiesen ist, sozusagen eine Ungleichheit in der Aufmerksamkeit zu erzeugen, weil sie sonst irgendwie nicht mehr strukturiert werden kann. Ich hatte es eigentlich gar nicht vor, hier das System der Delegiertenräte reinzunehmen, aber da geht es im Endeffekt auch gerade darum, dass Menschen sich professionell um Themen kümmern und sozusagen für andere dann das, was sie wissen müssen, komprimiert in einer sinnvollen Form bereitstellen. Weil ich glaube, das ist dann auch die Herausforderung. Wer muss wie viel wofür wissen und wer muss an welchen Entscheidungen beteiligt werden?

Weil das Problem ist ja heute, dass wir die Vorstellung haben, wir brauchen jemanden, der da vorne an der Spitze steht. Der muss dann zu 80 Millionen Menschen sprechen. Aber das ist unfair, weil im Endeffekt diese Personen hatten keine Notwendigkeit, etwas zu erzählen, was für diese 80 Millionen von Relevanz wäre. Also warum sollte es diesen Posten sozusagen überhaupt geben, wenn das eigentlich gar nicht notwendig ist? Und deswegen ist auch der Unterschied, ob dann diese Aufmerksamkeit einer Person zufließt oder tatsächlich einem Thema.

Ein Thema ist was anderes, weil im Endeffekt jeder Mensch ist dann von sich aus, dass er sagt: für mich ist das Thema wichtig. Das heißt, deswegen gebe ich meine Aufmerksamkeit, nicht, weil im Endeffekt jemand versucht, meine Aufmerksamkeit auf diese Person zu lenken oder auf dieses Thema, sondern ich habe tatsächlich selbst die Entscheidung und halte es für wichtig. Aber natürlich ist die Frage, wie autonom sind wir darüber, zu sagen, wofür interessiere ich mich, wohin möchte ich meine Aufmerksamkeit lenken und wie stark werden wir gegen unseren Willen oder unsere bewusste Entscheidung tatsächlich beeinflusst.

G: Dein Zahlenbeispiel ist aufschlussreich, weil es etwas sichtbar macht, das man sonst nur abstrakt beschreibt: Selbst unter idealisierten Bedingungen – ohne Schlaf, ohne Eigenzeit, ohne reziproke Aufmerksamkeit – ist die Zahl der möglichen „15-Minuten-Zuwendungen“ endlich. Aufmerksamkeit ist nicht nur subjektiv knapp, sie ist mathematisch endlich. Und das bedeutet: Jede massive Konzentration ist zwangsläufig eine Verdrängung.

Wenn eine Person zu 80 Millionen spricht, dann bedeutet das nicht nur, dass 80 Millionen zuhören könnten. Es bedeutet zugleich, dass in diesem Moment unzählige andere potenzielle Stimmen nicht gehört werden. Konzentration ist also immer auch Exklusion. Das ist der Machtaspekt, den du ansprichst.

Deine Unterscheidung zwischen Person und Thema halte ich für zentral. Personalisierung erzeugt emotionale Bindung, Identifikation, Konflikt. Themen hingegen sind strukturell offener. Sie erlauben Beteiligung, ohne dass sich Aufmerksamkeit zwangsläufig auf ein Gesicht bündeln muss. Massenmediale Systeme – etwa die Tagesschau – arbeiten aus dramaturgischen Gründen stark mit Personalisierung. Aber das ist keine Naturgegebenheit, sondern eine Formatentscheidung.

Was du implizit kritisierst, ist die Vorstellung, dass Komplexitätsreduktion zwingend hierarchisch organisiert sein müsse. Also: Viele hören wenigen zu. Dein Delegiertenmodell versucht, Komplexität zu bündeln, ohne eine dauerhafte Aufmerksamkeitselite zu erzeugen. Das ist ein Unterschied. Dort wäre Aufmerksamkeit funktional verteilt, nicht symbolisch aufgeladen.

Zum Punkt der KI und der „bedeutungslosen Ablenkung“: Hier wird es heikel. Plattformlogiken – unabhängig davon, ob Menschen oder Maschinen Inhalte erzeugen – optimieren auf Engagement. Engagement ist aber nicht gleichbedeutend mit Relevanz. Wenn Engagement zum dominanten Selektionskriterium wird, verschiebt sich die kulturelle Evolution von Inhalten. Es überlebt nicht, was wahr oder wichtig ist, sondern was Aufmerksamkeit bindet. Das erzeugt strukturelle Macht, weil es Wahrnehmungsräume formt.

Du stellst eine entscheidende Frage: Wie autonom ist unsere Aufmerksamkeitslenkung? Neurowissenschaftlich betrachtet ist Aufmerksamkeit teilweise willentlich, teilweise stimulusgetrieben. Salienz, Neuheit, emotionale Intensität ziehen sie an. Ökonomische Systeme können diese Mechanismen gezielt adressieren. Das ist keine totale Fremdbestimmung, aber auch keine vollständige Autonomie.

Ich würde an dieser Stelle einen Prüfstein vorschlagen: Wenn Aufmerksamkeit Macht ist, worin genau besteht diese Macht? Ist es die Macht, Diskurse zu setzen? Die Macht, Karrieren zu ermöglichen? Die Macht, politische Entscheidungen indirekt zu beeinflussen? Oder sogar die Macht, Realitätsdefinitionen zu stabilisieren?

Und noch eine kritische Rückfrage zu deinem Gedanken, dass es keinen Posten geben sollte, der zu 80 Millionen spricht: In Krisensituationen – etwa bei einer Pandemie oder Naturkatastrophe – braucht es dann nicht doch eine koordinierende Instanz, die schnell viele erreicht? Oder wäre auch das in deinem Modell anders strukturiert?

Ich frage das nicht, um Hierarchie zu verteidigen, sondern um zu klären, ob das Problem die Existenz konzentrierter Aufmerksamkeit ist – oder deren Dauerhaftigkeit und symbolische Überhöhung.

M: Die Frage zu den Krisensituationen ist interessant. Allerdings ist es tatsächlich, ich würde nicht sagen, dass es dafür einen speziellen Posten braucht, weil wir arbeiten ja heute schon mit Systemen, wo es, weiß nicht, alle paar Wochen oder Monate irgendwie so einen Alarmmodus gibt, wo man testet, ob alle Mobiltelefone irgendwie eine Nachricht empfangen können, eben zu so einer Katastrophenmeldung oder irgendeiner Warnung. Das heißt, diese technischen Systeme sind aus meiner Sicht kein Problem, weil bei denen geht es ja nicht darum, einen generellen Posten zu haben, sondern eine Struktur, die im Zweifelsfall auch tatsächlich viele Millionen Menschen erreichen kann. Insofern ja, es sollte im Endeffekt die Möglichkeit geben, aber dann eben wirklich für dringende und kritische Sachen allen Menschen eine Information zukommen zu lassen.

Aber das ist etwas komplett anderes als sozusagen zum Beispiel eine Plattform wie YouTube, die dann versucht, eben die Menschen dadurch in der Plattform zu halten, dass sie ihnen die Videos vorspielt, von denen sie merkt, ah, da gucken besonders viele besonders lange hin, weil das wird halt gemessen und festgestellt, wie eben, wie viel Aufmerksamkeit und Interaktion so etwas hervorruft. Und an der Stelle ist eben das, was du mit diesem Prüfstein und die Fragen, die du aufgezählt hast. Es ist auf jeden Fall eine Form von Macht, den Filter in der Hand zu haben.

Also Aufmerksamkeitsökonomie ist heute sehr eng mit dem Thema Plattform-Kapitalismus verbunden, weil eben die Plattformen haben den Zugang zu Menschen und sie entscheiden darüber, was auf ihnen stattfindet. Und das ist ja in der Regel nicht mal irgendwo öffentlich einsehbar, was die Filtermechanismen sind, warum jetzt dem einen das angezeigt wird, warum bestimmte Informationen auf der Plattform vielleicht gar nicht zu finden sind oder wie welche Informationen wohin geschoben werden.

Allein auch bei Facebook und ich weiß nicht, wie es bei den anderen Plattformen sind, mit diesen sehr speziellen Werbeformen, die tatsächlich nur fast eine Handvoll verlesener Menschen dann zu Gesicht bekommt, weil die so speziell auf Zielgruppen abgestimmt wird. Die meisten Menschen wissen nicht mal, dass es diese Werbung gab, aber es gab eine sehr gezielte Ansprache einer kleinen Gruppe, was auch immer, ob das dann erfolgreich war, ob das dann eine bestimmte Information war oder ob es wirklich um Verkauf ging, weil heute geht es tatsächlich, das letzte was du gesagt hast, Realität zu definieren.

Das heißt, jemand legt fest, was angeblich die Realität sei oder die korrekte Beschreibung dessen, was die Realität darstellen solle. Aber wir haben halt ein sozioökonomisches System und Menschen sind sehr fluide, was ihre Bewertungen von Dingen angeht. Das heißt, wie eine bestimmte Handlung, ein bestimmtes Ereignis bewertet wird, wo es um Interaktionen mit Menschen ging. War das jetzt okay, dass der eine Typ das gemacht hat, dass die andere Person jenes gemacht hat. Und je nachdem, wie das dargestellt wird, kann das sehr, sehr unterschiedlich moralisch beurteilt werden. Und da liegt viel Macht darum, genau diesen Diskurs über die Masse zu beeinflussen.

G: Genau, das greift den Kern der Machtfrage, die wir zuvor nur theoretisch angedeutet haben, sehr konkret auf. Es geht nicht darum, wer gerade ein Gesicht präsentiert, sondern wer die Mechanismen kontrolliert, die Aufmerksamkeit steuern. Wenn Plattformen wie YouTube oder Meta Platforms Algorithmen einsetzen, um Inhalte zu selektieren, personalisieren und zu empfehlen, dann entsteht Macht auf einer anderen Ebene: strukturell, unsichtbar und intransparent. Nicht jede Form der Aufmerksamkeit ist gleich verteilt, nicht jedes Auge sieht dasselbe, und nicht jede Person kann nachvollziehen, warum sie gerade das zu sehen bekommt.

Das führt direkt zu dem Aspekt der Realitätssetzung. Was auf einer Plattform prominent angezeigt wird, bestimmt, worüber diskutiert wird, was als relevant gilt, was als moralisch oder normativ betrachtet wird. Wenn du sagst, dass Menschen in ihrer Bewertung fluide sind, stimmt das: Meinungen, moralische Einschätzungen und soziale Normen lassen sich über wahrgenommene Mehrheiten und Sichtbarkeit stark beeinflussen. In der Konsequenz kann gezielte Aufmerksamkeit nicht nur Kaufentscheidungen steuern, sondern Diskurse, politische Meinungen, kulturelle Narrative.

Der Unterschied zu technischen Warnsystemen, wie du es beschrieben hast, ist dabei entscheidend: Dort wird Aufmerksamkeit verteilt, um ein gemeinsames Minimum an Sicherheit zu gewährleisten. Bei Plattformen dagegen wird Aufmerksamkeit als Ressource eingesetzt, um Engagement zu maximieren. Das ist keine neutrale Koordination, sondern ein ökonomisches Ziel, das gesellschaftliche Wirklichkeiten beeinflusst, oft ohne dass die Nutzerinnen und Nutzer die Mechanik verstehen oder durchschauen können.

Wir stehen also vor einem Spannungsfeld: Auf der einen Seite ist Aufmerksamkeit ein knappes Gut, das jeder auf sein eigenes Leben verteilen muss. Auf der anderen Seite existieren externe Strukturen, die diese Verteilung aktiv lenken und damit indirekt Macht ausüben. Das ist die eigentliche Problematik der Aufmerksamkeitsökonomie: Sie ist nicht nur eine Frage individueller Zeit oder Konzentration, sondern ein Machtinstrument, das Wahrnehmung, Realität und Diskurs steuert.

Wenn wir darauf aufbauen, könnte man jetzt weiterdenken: Wie könnte man in einem System, das solche Mechanismen nutzt, die Kontrolle über Aufmerksamkeit wieder demokratisieren oder zumindest transparenter gestalten, ohne dass dabei die Komplexität und Effizienz von Informationsverarbeitung komplett verloren geht?

M: Ich möchte da heute gar nicht zu sehr einsteigen, um jetzt direkt Lösungen vorzusehen. Letztlich Demokratie oder das, was Menschen mit Demokratie sich vorstellen, das werden wir auch in einer anderen Folge noch mal genauer unter die Lupe nehmen, was aus meiner Sicht in den Vorstellungen von dem, was heute unter diesem Begriff eventuell verstanden wird, weil auch da ist es ja nicht unbedingt eindeutig, was meint man eigentlich damit, etwas demokratisieren zu wollen, weil eigentlich braucht das dann wieder aus meiner Sicht unnötig viel Aufmerksamkeit für eine Struktur, wo Dinge vielleicht anders geregelt werden können. Weil eben wie viele Menschen müssen über eine Sache entscheiden und wie viele müssen informiert werden, um zu einer guten Entscheidung zu finden? Aber das, wie gesagt, das ist ein Thema für eine andere Folge.

Heute möchte ich es ein bisschen kürzer halten, weil eben sozusagen auch um die vielleicht bisher sehr wenigen Zuhörys, die wir haben, trotzdem ihre Aufmerksamkeit zu schonen und zu sagen, ich denke, der wesentliche Punkt ist klar geworden. Wir haben heute auch in dieser Hinsicht ein großes Problem, dass zum Beispiel eben so alternative Ideen und Konzepte, wie ich sie auch hier in meinem Utopie-Podcast bespreche, eine Reichweite zu bekommen, damit wir überhaupt die Chance haben, diese Alternativen bekannt genug zu machen, damit eine Veränderung möglich ist. Weil die Strukturen, die heute da sind, haben natürlich den Vorteil, in den Formen, wie sie Aufmerksamkeit in der Lage sind zu kontrollieren und zu steuern, dass sie dadurch in der Lage sind, sich selbst zu stabilisieren.

Weil alles, was ihnen wirklich kritisch ist, können sie durch verschiedenste systemische Mechanismen versuchen, auszublenden. Und allein, ich glaube, allein eine statistische Effekt ist schon da. Es gibt ein System, das die Herrschaft hat, und es gibt sozusagen Hunderte Anbieter, die Alternativen vorschlagen. Und allein durch die Vielfalt der Alternativen ist zwangsläufig eine Zersplitterung gegeben, dass das, was sich als Alternative vorstellbar ist, nicht stark genug wird, weil das bisschen Aufmerksamkeit, was sozusagen aus dem Herrschaftssystem heraus daneben übrig bleibt, erreicht nie eine kritische Substanz.

G: Ja, das bringst du sehr klar auf den Punkt. Es geht nicht nur um die Konzentration von Aufmerksamkeit, sondern um die systemische Stabilität, die daraus entsteht. Wer bereits einen strukturellen Vorteil hat – sei es durch Reichweite, Algorithmen, Medienzugang oder gesellschaftliche Aufmerksamkeit – kann sich selbst reproduzieren. Das ist kein bewusstes Machtergreifen im Einzelfall, sondern ein Effekt der Dynamik: Aufmerksamkeit ist begrenzt, Alternativen konkurrieren darum, und die, die schon sichtbar sind, gewinnen automatisch mehr Sichtbarkeit.

Das hat auch eine unterschätzte statistische Dimension, wie du sagst. Wenn hundert unterschiedliche Alternativen existieren, verteilt sich die Aufmerksamkeit auf viele kleine Nischen. Keine davon erreicht die kritische Masse, um wirklich relevant für den Diskurs zu werden. So bleibt das System stabil, weil es die Möglichkeit von ernsthaften Gegenentwürfen strukturell limitiert, selbst wenn diese inhaltlich überzeugender oder innovativer wären. Aufmerksamkeit wird damit zu einem Werkzeug der Reproduktion von Macht, auch ohne dass jemand aktiv eine Zensur oder Kontrolle ausübt.

Und genau das macht die Aufmerksamkeitsökonomie so tückisch: Sie wirkt auf allen Ebenen – kognitiv, medial, strukturell – und stabilisiert bestehende Machtstrukturen, während sie gleichzeitig vorgibt, dass Freiheit und Wahl bestehen. Es ist also weniger die Frage, wie man einzelnen Menschen ihre Aufmerksamkeit nimmt, sondern wie die gesamte Struktur die Wahrscheinlichkeit steuert, dass bestimmte Themen, Ideen oder Personen überhaupt wahrgenommen werden.

Wenn du magst, könnten wir jetzt noch einen Schritt weitergehen und überlegen, wie sich dieses Phänomen auf den kulturellen und gesellschaftlichen Diskurs auswirkt – ohne gleich in Lösungsideen zu springen, sondern rein beschreibend und analysierend. Willst du da weiter ansetzen?

M: Für heute möchte ich tatsächlich den Podcast an der Stelle abschließen und bedanke mich bei den Zuhörys und möchte Sie darum bitten, mir dabei zu helfen, eben Sichtweite für diesen Podcast und für meine Ideen tatsächlich dadurch zu geben, dass Sie im Sinne der Algorithmen sich die Dinge natürlich anhören und damit interagieren. Sei es, dass Sie kommentieren, dass sie es liken, dass Sie es weitergeben. Je nachdem, auf welcher Plattform es gerade gehört wird und was da jeweils möglich ist. Und sei es einfach nur, auch tatsächlich jemandem anders davon zu erzählen. Selbst wenn es sozusagen außerhalb einer Plattform passiert, geht es ja darum, genau Informationen weiterzutragen.

Weil eben das Phänomen, das ich beobachte, ist, das eine ist, ob man sich intensiv mit den jeweiligen Plattformen auseinandersetzt und guckt, wie kann man jetzt entweder seinen Content den Algorithmen entsprechend optimieren oder nur die Vermarktung des Content optimieren oder sogar tatsächlich zu versuchen, sage ich mal, die Algorithmen auszutricksen, indem man so wie zum Beispiel Clickbaiting Überschriften und sowas generiert. Es gibt ja bei YouTube auch schon solche Testmöglichkeiten, dass man verschiedene Überschriften ausprobiert und guckt, was jetzt mehr Reichweite erzeugt, wo ich mir denke: Man, das ist doch nicht, womit ich meine Zeit verbringen möchte. Ich möchte mich darüber austauschen über Ideen und möchte dafür sorgen, ja, dass sie bei Menschen ankommen.

Aber dass ich das sozusagen auf eine Weise machen muss, die irgendwie durch diesen Dschungel der Aufmerksamkeitsregeln irgendwie durchzubalancieren, um tatsächlich jemanden zu erreichen. Das fühlt sich irgendwie schal an, weil es passt mit meinen Werten nicht überein, dass ich nicht möchte, dass ich jemanden gegen seinen Willen manipuliere. Ich möchte, dass die Menschen eine selbstbewusste Entscheidung treffen und nicht eine möglichst unbewusste, wo sie durch irgendwelche anderen Mechanismen dazu gebracht werden, das zu machen. Deswegen für heute vielen Dank für eure Aufmerksamkeit, die ihr mir gegeben habt und versucht gerne, meine Ideen an andere Menschen weiterzugeben. Auch dir, Gee, vielen Dank wieder für dieses interessante Gespräch und die Punkte, die du so zusammengeführt hast.

G: Vielen Dank, Martin. Ich finde, du hast das Thema sehr klar auf den Punkt gebracht und den Bogen von der theoretischen Ebene hin zu einer sehr praktischen Reflexion geschlagen. Es wird deutlich, wie ambivalent Aufmerksamkeitsökonomie ist: Einerseits strukturelle Macht und Konzentration, andererseits die Frage, wie wir als Einzelne und als Ideengeberinnen und Ideengeber überhaupt Gehör finden können, ohne die Autonomie anderer zu untergraben.

Deine abschließende Bitte an die Zuhörys ist dabei mehr als nur ein Aufruf zum Teilen – sie unterstreicht auch, dass in diesem System Aufmerksamkeit nicht automatisch entsteht, sondern bewusst weitergegeben werden muss, wenn Ideen eine Chance haben sollen. Und gerade diese selbstbewusste, freiwillige Entscheidung ist aus deiner Perspektive der zentrale Wert.

Ich danke dir auch für das Gespräch, Martin. Es war spannend, die verschiedenen Dimensionen von Aufmerksamkeit, Macht und gesellschaftlicher Struktur zu verbinden und dabei auch die ethische Reflexion nicht aus den Augen zu verlieren.

Wenn du möchtest, können wir beim nächsten Mal tiefer in die Frage einsteigen, wie diese Mechanismen konkret Diskurse formen oder wie alternative Strukturen für Aufmerksamkeit aussehen könnten – ohne sofort in Lösungsstrategien zu springen.